© Monika Diez

Wilder Freiger Hochtourenwochenende

26.09.2026

Für dieses Wochenende war eine Hochtour in eine der schönsten Gegenden Österreichs geplant. Sie sollte uns vom Stubaital hinauf auf den Wilden Freiger und weiter zum Becherhaus, dem höchsten Schutzhaus Südtirols, führen.
Pünktlich um 13:36 Uhr trafen wir uns mit unserer Tourenführerin Theresa Menig in Krün. Schnell war ihre Ausrüstung umgeladen und weiter ging die Fahrt.
Gerade hatten wir uns noch über einen kürzlich erlebten Reifenplatzer unterhalten, da ruckte es plötzlich im Auto. Jemand war uns aufgefahren. Für einen kurzen Moment sahen wir uns schon wieder in Richtung Norden fahren, aufgeladen auf einen Abschleppwagen. Bei der Auffahrt zur Tiroler Straße hatte der Hintermann offenbar nicht schnell genug in Richtung Berge fahren können und uns übersehen. Zum Glück waren die Formalitäten schnell geklärt und auch der kleine Schaden an der Stoßstange bald vergessen.
Wenig später kamen wir an der Grawa-Alm im Stubaital an. Von hier führte uns ein gewundener Pfad durch den Wald hinauf zur Sulzenau-Alm. Wegen des schlechten Wetters und des anhaltenden leichten Regens konnten wir die Wasserfälle am Ende des Plateaus allerdings nur erahnen.
Weiter ging es in Richtung Sulzenauhütte, unserem heutigen Tagesziel. Wegen des Nebels tauchte die Hütte dann auch eher überraschend vor uns auf, allerdings keine Minute zu früh. Nachdem wir die nassen Klamotten ausgezogen und gegen trockene Hüttenoutfits getauscht hatten, ließen wir den Abend mit einem hervorragenden Auflauf und einer Runde Schafkopf gemütlich ausklingen.
Am nächsten Morgen wurden wir gegen 8:00 Uhr von blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein begrüßt. Wir starteten in Richtung Süden und folgten, vorbei an der Blauen Lacke, dem Lübecker Weg stetig bergauf in Richtung Wilder Freiger. Mit zunehmender Höhe wurde das Gelände immer steiniger, bis wir schließlich den schneefreien Gletscher erreichten, der vor sich hin schmolz.
Wir entschieden uns, zunächst noch einige Meter neben dem Gletscher auf der Moräne weiter aufzusteigen. Hier wurde das Gelände anspruchsvoller und auch die Wegfindung zunehmend zur Herausforderung. Auf etwa Höhe des Aperen Freiger, einem Vorgipfel des Wilden Freiger, stiegen wir schließlich auf den Gletscher hinab. Dort legten wir Steigeisen und Gurte an. Die Helme hatten wir wegen der möglichen Steinschlaggefahr bereits aufgesetzt.
Nach einer kleinen Stärkung in Form von Riegeln und Nüssen ging es los. Ohne Seil, aber trotzdem wie auf einer Perlenschnur aufgereiht, stiegen wir weiter in Richtung Lübecker Scharte, unser Tagesziel fest im Blick.
An der Ausstiegsstelle trafen wir auch unsere Tischnachbarn vom Vorabend wieder: eine Gruppe freundlicher Niederländer, die ebenfalls den Wilden Freiger besteigen wollten. Nach einer kurzen Pause, in der wir Steigeisen und Pickel verstauten, ging es weiter. Wir folgten den Niederländern das blockige Gelände hinauf.
Bei bestem Wetter und nach etwas leichter Kletterei, die an den ausgesetzten Stellen stets mit einem Stahlseil versichert war, erreichten wir den Abzweig. Nach links ging es zum Wilden Freiger, nach rechts zur Müllerhütte und weiter zum Wilden Pfaff. Wir entschieden uns für den linken Weg.
Auch hier ging es mit leichter Kletterei weiter, auf der einen Seite der Fels, auf der anderen der Blick in die Tiefe. Kurz vor dem Gipfel meldete sich dann meine Höhenangst. Ein nicht versichertes, zugegeben recht kurzes Kletterstück ließ mich doch etwas zögern. Theresa schaffte schnelle Abhilfe und installierte ein Fixseil. Eingehängt kletterten wir die letzten Meter hinauf zum Gipfel.
Oben angekommen, waren die Gedanken an die Kletterstelle schnell vergessen. Wir genossen das schöne Wetter und die fantastische Aussicht. In Richtung Süden konnten wir bereits unser heutiges Übernachtungsziel sehen: das Becherhaus auf knapp 3.200 Metern Höhe, auf einem Grat gelegen und umgeben von Gletschern und schroffen Felswänden.
Nachdem wir unsere Brotzeit unter dem Gipfelkreuz genossen hatten, brachen wir wieder auf. Ein weiterer Grat führte uns nach Süden hinab, während sich zu unserer Rechten der Übeltalferner erstreckte, der größte Gletscher der Stubaier Alpen.
Am Signalgipfel ging es vorbei weiter in Richtung Süden. Über den nächsten Grat erreichten wir am frühen Nachmittag schließlich unsere Unterkunft. Dort wurden wir erst einmal mit einem „Himbeer-Safterl“ auf der höchsten Schutzhütte Südtirols begrüßt. Es war ein Glücksgefühl, auf der sonnenbeschienenen neuen Holzterrasse zu liegen und den Blick gen Zuckerhütl und die umliegenden Gletscher schweifen zu lassen! 
Eine Entscheidung stand allerdings noch aus. Ursprünglich sollte unsere Tour am nächsten Tag noch über den Wilden Pfaff und das Zuckerhütl führen, bevor wir mit der Seilbahn ins Tal fahren wollten. Da die Bahn jedoch bereits außer Betrieb war und am Zuckerhütl zudem Steinschlaggefahr herrschte, entschieden wir uns für den Rückweg über den Normalweg des Wilden Freiger.
Am nächsten Morgen durften wir noch vor dem Frühstück einen wunderschönen Sonnenaufgang erleben. Wie die meisten anderen Gäste saß ich auf der Südseite der Hütte auf einer Bank und beobachtete, wie sich der rote Ball langsam über die entfernten Berggipfel schob.
Pünktlich um 7:30 Uhr machten wir uns auf den Rückweg. Zunächst ging es wieder über den Grat bis zum Signalgipfel, dort bogen wir jedoch nach Osten ab. Die morgendliche Stimmung und das weiterhin hervorragende Wetter machten den Abstieg zu einem echten Genuss. Wolken suchte man auch an diesem Sonntag vergeblich.
Dank der herrlichen Aussicht und des abwechslungsreichen Geländes verging die Zeit wie im Flug. Nach etwa vier Stunden erreichten wir den Grünausee. Das Wasser war zwar kalt, aber für einen kurzen Sprung hinein genau richtig.
Weiter ging es in Richtung Sulzenauhütte, wo wir unsere letzte Rast einlegen wollten. Mittlerweile waren wir wieder auf gut ausgetretenen Wanderwegen unterwegs. Da
s eine oder andere Murmeltier machte sich zwar aus der Ferne bemerkbar, zu sehen bekamen wir allerdings keines.
Auf der Sulzenauhütte gab es zur Stärkung noch einmal Suppe und Kuchen. Anschließend machten wir uns an den letzten Abschnitt und stiegen, vorbei am riesigen Sulzenaufall, weiter ins Tal ab. Dank des guten Wetters konnten wir den Wasserfall nun nicht nur hören, sondern auch in seiner ganzen Größe sehen.
Da wir noch etwas Zeit hatten, legten wir kurz hinter der Sulzenau-Alm noch einmal eine Pause ein und genossen die Aussicht und  das herrliche Wetter. Die gut 2.000 Höhenmeter Abstieg waren nun beinahe geschafft, ein rundum gelungenes Hochtourenwochenende ging langsam zu Ende.

Julian Lamm